„Shakal, der schöne Geist, Fragment einer Biographie aus dem vierzehnten Jahrhundert von dem Araber Albezor, von Hanns Görg“

Die Bedeutung des 'Shakal' ist heute wohl darin zu sehen, daß Helfrechts Kritik neben der Würdigung durch Kirsch die Beurteilung Jean Pauls vervollständigt. Helfrecht erkennt die Lauterkeit seines Charakters an und gesteht ihm Vorzüge zu: "Er war, was wenige große Köpfe sind, ein Mann von gutem Herzen, der groß und edel dachte, und einige Abweichungen von der geraden Bahn der Tugend weggedacht, edel handelte". Helfrecht lobt Shakals natürliche Begabung, lebhafte Einbildungskraft, Witz, Kombinationsgabe, starke Wissbegierde und Fassungskraft, dazu Liebe zur Musik; doch kritisiert er seinen Hang zum Sonderbaren und zur Verspottung seiner Mitbürger. Er missbilligt seine Gleichgültigkeit, ja Abneigung gegen die Religion. "Der Ungläubige ... schlug hierauf die letzten Stützen seiner väterlichen Religion weg. Da lag sie in Ruinen! und Shakal lachte den Ruinen; und in der Folge brachte er es so weit, daß er überhaupt die ganze Religion für Ruinen hielt, weil sein kleines übel angelegtes Gebäude in Ruinen lag. Seine Lehrer waren deßwegen mit ihm sehr unzufrieden und wollten ihn auf den richtigen Weg zurückweisen. (...). Er rächte sich dadurch an ihnen, daß er sie lächerlich machte". Dennoch prognostiziert Helfrecht die Fortdauer des literarischen Werks von Jean Paul. Seine Bücher werden "als Originale in ihrer Art, so lange die Sonne den Erdball beleuchtet, fortdauern und den Namen ihres Urhebers unter den Erdenbürgern unsterblich machen". In Anbetracht dieser Prognose und der Reverenz gegenüber dem Autor - "er verehrte und liebte Shakaln redlich im Leben" - muss man dennoch die Frage nach des Rektors Motiv zur Edition einer Satire aufwerfen. Persönliche Kränkung, die Missbilligung der Verspottung der Mitbürger genügen als Motiv nicht. Jean Pauls "Schriften so zu reinigen und zu ordnen, daß sie der Nation mehr Ehre machen" erklärt die Sorge um dessen weiteres Schrifttum. Der Verpflichtung des Pädagogen Helfrecht entsprach wohl mehr das Bemühen, dem nachhaltigen Einfluss seiner Schriften auf den Geist des Zeitalters entgegenzuwirken. Die Schüler sollten nicht zu Spöttern, Skeptikern und egoistischen Kosmopoliten, sondern zu Christen und redlichen Staatsbürgern erzogen werden. Helfrecht übt im weiteren Sinne Kritik an Denkformen der zeitgenössischen Literatur und an modischen Erscheinungsformen der Pädagogik. (G. Mulzer, 1996)