"Quartus-Gesicht" - "Shakal"

Seine Erfahrungen mit den Verhältnissen im Gymnasium, mit Lehrmethoden und Lehrerpersönlichkeiten, mit den Honoratioren der Stadt, verarbeitet Jean Paul besonders im "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal" (1783), im "Leben des Quintus Fixlein" (1796) und im Anhang dazu in "Des Rektors Florian Fälbel und seiner Primaner Reise nach dem Fichtelberg" (...) Diese Werke enthalten eine Fülle von Anspielungen auf die Schule (...). Im "Fälbel" greift Richter veraltete Lehrmethoden ebenso scharf an wie Lehrermentalität und pädagogische Vorstellungen des Philanthropismus und das Ideal des galant homme.

Jean Paul kannte den Rektor und Bibliothekar Helfrecht genau, auch aus der Perspektive seiner drei Brüder, die nach ihm das Gymnasium besuchten, ganz besonders aus Helfrechts vielen Schulprogrammen. Es muss aber gegen den Quartus Helfrecht - als solcher war er 1780 an das Gymnasium gekommen - eine Aversion bestanden haben, aus der heraus Richter bereits 1790 den Plan faßte, Helfrechts Züge im Bild des Rektors Fälbel festzuhalten. (...)

Richter besuchte am 28. November 1795 den Rektor, um ihm sein eben ausgeliefertes Werk "Leben des Quintus Fixlein" für die Bibliothek zu stiften.

Über Quintus Fixlein urteilt der Rektor später abfällig: "Viel Wahrheit, viel Verdrehetes und Schiefes, viel Unwahrscheinlichkeit und viele Possen, dabei ein kleiner Pranger für ehrliche Männer, die nicht ohne Fehler sind, wie andere Erdensöhne auch".

Nachdem Helfrecht das Büchlein gelesen hatte, war er durch sein und der Schule Erscheinungsbild zutiefst betroffen. (...) Wie sollte er auf Jean Pauls Herausforderung reagieren? Er wählte den gleichen literarischen Weg der Satire und die gleiche Art zu schreiben wie Jean Paul. Obgleich das Einkommen des Rektors gering war, ließ er auf eigene Kosten das Büchlein drucken: "Shakal, der schöne Geist, Fragment einer Biographie aus dem vierzehnten Jahrhundert von dem Araber Albezor, von Hanns Görg", Dintenstadt (Leipzig), 1799, 230 Seiten, Oktav. Langer in Wolfenbüttel schreibt hierzu in seiner Rezension: "Das Ganze ist ein nicht übelgemeinter, nicht durchaus ohne satyrische Kraft geführter, und hie und da auf Tatsachen sich stützender Ausfall gegen unsre neueste Literatur; ... er macht auch einen unserer gelesensten, obschon höchst selten verstandenen Schriftsteller zur Zielscheibe seines Witzes, seiner Kenntnisse, und alles dessen, was sein Zeughaus etwa vermag. Freund Shakal ... ist niemand anders als der berühmte Jean Paul". (Neue allgemeine deutsche Bibliothek, 55. Bd., Kiel 1800, S. 486ff)

Wie aber reagierte Jean Paul auf die Edition dieses anonym abgefassten Büchleins, von dem ihm Amöne Herold, Ottos spätere Frau, in Weimar erzählte? "Indes mag ich das libellulum nicht lesen". Einige Jahre später las er das neu aufgelegte Büchlein doch, "den mehr dummen als bösen Shakal" und vermutete als Autor Rektor Kirsch, auf Helfrecht kam er nicht. Über den Autor, dem E. Behrend bestätigte, daß er von Jean Pauls Persönlichkeit und Werden ein "im großen und ganzen sogar objektives Bild zu geben weiß", wurde viel gerätselt. Die Frage nach dem Autor wäre so leicht zu lösen gewesen, wenn nur jemand das Exemplar in die Hand genommen hätte, das Helfrecht der Bibliothek gestiftet hatte. Auf der Innenseite des Buchdeckels hielt er fest: Geschenk des Verfassers M. Joh. Theod. Benj. Helfrecht, Rektor des Gymnasiums zu Hof. (G. Mulzer, 1996)